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Detroit Reiseartikel

  • Erinnerungen an Henry Ford

Henry Ford war in jeder Hinsicht eine äußerst komplexe Persönlichkeit. Einerseits hat er wie niemand anders – mit Ausnahme seines Freunds und Mentors Thomas Edison – zum Leben in der modernen Welt beigetragen. Andererseits versuchte er beständig, die Gesellschaft zu meiden oder sie sich zumindest so weit wie möglich vom Hals zu halten. Er konnte redselig und unterhaltsam sein und plötzlich mitten im Satz aufhören und verkünden: „Das ist überhaupt nicht so, wie ich dachte“. Dann entschuldigte er sich und verschwand in seinem Labor – manchmal für mehrere Tage. Anschließend tauchte er wieder auf und stellte ein neues Maschinenteil, ein neues Auto-Design, einen Entwurf für eine Fabrik, eine Eisenbahn oder irgendeine andere bahnbrechende Idee vor.

Er wurde am 30. Juli 1863 als ältestes von insgesamt sechs Kindern in Dearborn geboren. Seine Eltern, William und Mary Litogot O'Hern Ford, waren irische Farmer und gehörten der ersten Einwanderergeneration an. Sie waren zwar nicht reich, aber bei Weitem nicht arm; der Familie ging es gut. Der legendäre Wissensdurst von Ford zeigte sich bereits zu einem frühen Zeitpunkt. Völlig von dem Dampf, der von dem kochendem Wasser im Teekessel auf dem Küchenherd aufstieg, fasziniert, verstopfte er die Öffnung des Kessels. Da der Wasserdampf nun nicht mehr entweichen konnte, explodierte der Kessel und das heiße Wasser ergoss sich in alle Richtungen. Seine praktischen Fähigkeiten begann er beim Spielen mit den Werkzeugen von der Farm zu entwickeln. Liebend gerne erzählte er die Geschichte von dem einen Tag im Juli des Jahres 1876, als er dabei zusah, wie seine erste selbstfahrende Dampfmaschine das Feld eines Farmers bearbeitete.

Fünfzig Jahre später stellte Ford 57 Prozent der in Amerika und rund die Hälfte der weltweit verkauften Autos her. Als erwachsener Mann erlaubte er niemanden, seinen Vorzunamen zu verwenden, ließ aber voller Stolz seinen Nachnamen vor die preiswerten Automodelle T und A schreiben. Der schlanke, 1,75 m große und langbeinige Industrielle verblüffte selbst die Personen, die ihn gut kannten. Als er die industrielle Welt mit seiner Fertigungsanlage für das Modell T und der Bezahlung von 5 $ für einen Acht-Stunden-Tag auf den Kopf stellte, baute er ganz in der Nähe eine Wohnanlage für die Arbeiter, damit seine Fabriken ständig in Betrieb gehalten werden konnten. Die Arbeiter murrten über die von Ford festgelegten Regelungen in Bezug auf das Wohnen und Leben dort. Inspektoren kamen in regelmäßigen Abständen vorbei, um Fragen zur Lebensführung zu stellen, was manche Arbeiter als aufdringlich empfanden. Aber wie bei anderen Dingen galt auch hier: Entweder es wird so gemacht, wie Ford es will, oder gar nicht.

Während des Ersten Weltkrieges charterte der damalige Pazifist Ford 1915 ein Segelschiff, dem er den Namen "Peace Ship" (Friedensschiff) gab. Am 4. Dezember ging er an Bord und setzte die Segel in Richtung Norwegen. Er erklärte die Reise als Mission, um den Krieg zu beenden und versicherte, „zu Weihnachten wieder zu Hause“ zu sein. Das Vorhaben schlug fehl. Dennoch erklärte Ford später: „Ich habe es zumindest versucht.“ Einige Jahre später, als der Zweite Weltkrieg begann, änderte der einstige Pazifist seine Einstellung. In seinem in Willow Run errichteten Werk wurden Bomber des Modells B-24 „Liberator“ hergestellt – und zwar ein Flugzeug pro Stunde.

1916 behauptete die Chicago Tribune, Ford hätte die falsche Information in Umlauf gebracht, dass Arbeiter, die ihre Arbeit aufgaben, um in der Nationalgarde (National Guard) zu dienen, ihre Arbeitsplätze verlieren würden. Am folgenden Tag setzte die Zeitung mit einem weiteren Artikel nach und nannte Ford einen „ignoranten Idealist“. Ford klagte dagegen. Über den in Mount Clemens stattfindenden Prozess berichteten die Medien auf der ganzen Welt. Experten, die Fords Desinteresse für alles, was nicht mit Erfindungen zu tun hatte, kannten, befragten ihn stundenlang zu seinem allgemeinem Wissen in Bezug auf das Tagesgeschehen. Er maß den eindringlichen Befragungen nicht viel Bedeutung zu und erklärte, dass er Arbeiter bezahlen könnte, um eine solche Information innerhalb von fünf Minuten für ihn in Umlauf zu bringen. Von Anwälten bedrängt und von Journalisten umringt, die sich wie wild Notizen machten, saß Ford mit übereinandergeschlagenen Beinen ruhig auf seinem Stuhl und schärfte gedankenverloren sein Taschenmesser an der Sohle seines Lederschuhs. Als er gefragt wurde, was diese Nation vor der Entdeckung durch die Europäer gewesen sei, fuhr er mit dem Schärfen seines Messers fort und sagte ohne aufzuschauen: „Dreck, schätze ich“. Das Gericht entschied auf einen Vergleich zuungunsten der Tribune, doch Ford erhielt lediglich sechs Cent Schadenersatz.

Das gemeine Volk liebte seine markigen Sprüche – und kaufte mehr Ford-Autos. Nach dem Verfahren nahmen Bildung und Geschichte für Ford einen größeren Stellenwert ein. Er baute Schulen, experimentelle Farmen, Kleinstadtfabriken und Krankenhäuser. Geradezu obsessiv sammelte er historische Andenken und stellte sie im Henry Ford Museum und Greenfield Village in Dearborn aus. Als leidenschaftlicher Camper unternahm Ford lange Autofahrten in einem Model T. Mit dabei waren ein japanischer Koch, Thomas Edison, Harvey Firestone und der Naturforscher John Burroughs. Da er auch gern wanderte, war er oft von morgens bis nachmittags unterwegs und beendete den Tag am Lagerfeuer mit wilden Geschichten und haarsträubenden Erzählungen.

Da ihn die Tageszeitungen zur Verzweiflung brachten, veröffentlichte er seine eigene Zeitung, den Dearborn Independent. Darin konnte er ungehindert seine gegen Juden und die Arbeiterbewegung gerichteten Ansichten kundtun. Im Jahr 1933 führte Ford den Kampf gegen die aufkeimende Organisation in der United Auto Workers (uaw)-Gewerkschaft unter der Leitung von Walter Reuther. Ford heuerte eine Armee an (angeblich mit bis zu 2.000 Mitgliedern), die ironischerweise „Kundendienst“ genannt wurde, und bekämpfte mit ihrer Hilfe die gewerkschaftliche Organisation. Im Jahr 1937 eskalierte der Konflikt und es kam zum so genannten „Battle of the Overpass“. Fords Schergen griffen Reuther und andere uaw-Funktionäre, die Flugblätter in der Nähe des Ford-Werkstors verteilten, auf brutale Weise an. Der Zwischenfall wurde von Fotojournalisten festgehalten, und die Nation war empört. Ford wurde per Gericht angewiesen, die Einmischung in Gewerkschaftsangelegenheiten zu unterlassen, und der uaw-Tarifvertrag wurde 1941 unterzeichnet.

Ford war dafür berüchtigt, selten in seinem Büro anzutreffen zu sein. Er hielt sich lieber am lauten, klappernden Fließband auf. Um dem gesellschaftlichen Trubel von Detroit zu entgehen, erbaute er sein Anwesen Fair Lane in Dearborn. Da er eine Schwäche für das Tanzen hatte, gab er dort große Bälle, die gesellschaftliche Großereignisse waren. Im Jahr 1945 fuhr Fords Enkel Henry II mit ihm nach Greenfield Village und sah seinem 81-jährigen Großvater dabei zu, wie er sein Original-„Quadricycle“, ein selbstfahrendes Wägelchen mit vier Rädern, bestieg, um die Straßen der Kolonialmacht Amerika entlangzufahren. Der Mann, der Thomas Edison und seine elektrische Glühbirne vergötterte und alles dafür getan hat, um eine Welt auf Rädern zu erschaffen, starb 1947 in aller Stille bei Kerzenlicht.




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